Ist die Coronazeit der Advent 2.0? - Gedanken von Pfarrer Severin Brodersen

Der Gedanke kam mir auf dem Wochenmarkt. Wie überall muss man dort 1,5 Meter Abstand halten. Daher ist unklar, wo ist die Schlange? Wo stehen Leute nur rum? An unserem Stand hatten sich daher zwei Schlangen gebildet. – Aber wer kommt dran?
Kurz liegt ein Keifen in der Luft. Alle bemühen sich, halbwegs freundlich zu sein und sind trotzdem wahnsinnig angespannt. Eine Stimmung, die mir aus kühleren Tagen wohl vertraut ist. Dieses: „Ich reiß mich hier grad echt zusammen und das schon seit Tagen, obwohl es ziemlich stressig ist. Aber jetzt will ich bitte auch dran sein, weil ich dran bin!“ – Anfang März ist es kurz wie beim großen Einkauf vor Weihnachten:

Alle im Supermarkt wollen sich dem Fest der Liebe entsprechend benehmen. Aber alle sind auch abgekämpft vom Vorweihnachtstrubel und müde vom Sich-zusammen-reißen in den eigenen vier Wänden, wo die Familie verstärkt aufeinandertrifft.

Wir haben aktuell Temperaturen weit über der Vorweihnachtszeit. Trotzdem erinnere ich mich, dass bereits in der vergangenen Woche die Stimmung am Obststand genauso „adventlich“ war.
Aktuell reißen wir uns auch alle ziemlich zusammen und das schon seit Wochen. Obwohl das mit den Ausgangsregelungen und dem Aufeinander Sitzen zu Hause ziemlich stressig ist. „Und wenn ich dann schon mit mulmigen Gefühl unter Leute auf den Markt gehe, dann will ich jetzt bitte auch dran sein.“

Daher meine Frage: Ist die Coronazeit der Advent 2.0?

  • Die Coronazeit fällt in die Fasten- und Vorbereitungszeit vor Ostern. So wie der Advent die Vorbereitungs- und ursprünglich auch Fastenzeit vor Weihnachten ist.
    Der Unterschied ist jedoch: Weihnachten ist jedes Jahr am 24. Dezember. – Das Ende der Coronazeit ist dagegen „vorübergehend“ unbekannt.
  • „Christ der Retter ist da“ heißt es im Weihnachtslied „Stille Nacht“. Advent ist die Zeit vor Weihnachten, in der wir auf diesen Retter noch warten.
    Im Frühjahr 2020 ist das Warten auf einen Retter noch viel größer. Das Sehnen nach einem Retter, der uns von dieser Pandemie befreien kann, viel bewusster und deutlicher als in einer Glühweinschwangeren Adventszeit. Das Frühjahr 2020, der Advent 2.0?
  • Wer abends durch die Straßen läuft, sieht immer wieder Kerzen in Fenstern und vor Türen. Dieses Licht der Hoffnung soll für die Verbundenheit stehen, die auch dann besteht, wenn wir uns nicht begegnen dürfen.
    Viele Kerzen, die symbolisch Licht ins Dunkle bringen, sind rot. – Bekommen da etwa auch alte Adventskranzkerzen ein zweites Leben?

  • In die aktuelle Zeit passen zwei Adventslieder aus dem Gesangbuch.
    • Eines, das ein Gebet sein könnte:

      Oh Heiland, reiß die Himmel auf,
      herab herab vom Himmel lauf,
      reiß ab vom Himmel Tor und Tür.
      Reiß ab, wo Schloß und Riegel für.

    • Und eines, das Hoffnung geben kann:

      Die Nacht ist Vorgedrungen,
      der Tag ist nicht mehr fern.
      So sei nun Lob gesungen,
      dem hellen Morgenstern!
      Auch wer zur Nacht geweinet,
      der stimme froh mit ein.
      Der Morgenstern bescheinet
      auch deine Angst und Pein.

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